Date

Mai 10 2021

Time

19:30 - 21:00
krisis - Kritik der Warengesellschaft

Ausrastende Insassen – Coronakrise, Kapitalismus und Konformistische Rebellion

Online-Vortrag und Diskussion mit Lothar Galow-Bergemann

Montag, 10. Mai 2021, 19.30 Uhr

Eine Veranstaltung von la:iz (fu berlin)
Die Zugangsdaten werden rechtzeitig hier eingestellt

Die Coronakrise ist nur zum kleinen Teil ein Naturereignis. In erster Linie ist sie die hausgemachte Folge einer Wirtschaftsweise, die ohne ewiges Wachstum und maximalen Profit umgehend ins Taumeln gerät. Nicht wegen des Virus, sondern wegen dieser Wirtschaft sterben massenweise Menschen in „nicht zahlungskräftigen“ Weltregionen, die keinen Impfstoff erhalten, fallen weltweit Millionen in Armut und Hunger. Auch in den reicheren Ländern wachsen Armut und Existenzunsicherheit, müssen viel zu viele Menschen arbeiten gehen und sich dabei gegenseitig anstecken. Viele erkranken und sterben nur deswegen, weil sich diese Wirtschaft keinen richtigen Lockdown leisten kann.

Leider gibt es kaum Widerstand gegen diese Zumutungen. Keine Streiks, die die Schließung nicht unmittelbar lebensnotwendiger Betriebe erzwingen. Keine Massendemonstrationen für ein bedingungsloses Grundeinkommen. Keine breite gesellschaftliche Bewegung, die eine andere, vernünftigere Wirtschaftsweise einfordert, die während einer Pandemie kein zusätzliches Leid verursacht.

Allerdings formiert sich eine Opposition ganz anderer Art. Sie nimmt nicht etwa Halbherzigkeit und Inkonsequenz staatlicher Maßnahmen zum Gesundheitsschutz aufs Korn, sondern fordert deren Ende. In völliger Verkennung der Realität bestreiten oder verharmlosen ihre Anhänger*innen die Pandemie, verhalten sich entsprechend verantwortungslos und gefährden Gesundheit und Leben ihrer Mitmenschen – und ihr eigenes.

Warum gibt es fast keine vernünftigen, aber so viele absurde Proteste? Warum glauben immer mehr Menschen haarsträubenden Unfug? Warum schützen auch Bildung und Intelligenz nicht davor? Und warum finden da Leute zusammen, denen man doch eigentlich nicht viel Gemeinsamkeit zutraut? Alternative Esoterik- und wirtschaftsliberale Kapitalismus-Fans, Nazis und Hippies, Linke und Reichsbürger, Gutbürgerliche und Antiautoritäre…

Alle miteinander sind sie davon überzeugt, sie würden von „denen da oben“ betrogen und unterdrückt. Und gemeinsam sind ihnen falsche Vorstellungen vom Kapitalismus. Die einen halten ihn für die beste und natürlichste aller Welten und glauben deswegen, Krisen könnten nur von unfähigen und schlechten Personen verursacht sein. Die anderen halten den Kapitalismus von vornherein für das Werk solcher Leute. Wie auch immer – in der Konsequenz sind sie sich einig.

Undurchschaute systemische Ursachen verleiten zu personifizierender Krisendeutung. Der Glaube, finstere Mächte seien an Ungerechtigkeit, Krankheit, Elend, Krieg und Krisen Schuld, hat eine bald zweitausendjährige Tradition im christlichen Antijudaismus. Der moderne Antisemitismus, dem „der Jude“ die Personifikation des Bösen schlechthin ist, konnte nahtlos daran anknüpfen. Es ist kein Zufall, dass auch die aktuellen Verschwörungsphantasien wieder von antisemitischen Denkmustern durchzogen sind und zunehmend auch völlig offener Antisemitismus geäußert wird. Die Geschichte lehrt, dass er sich in Krisenzeiten rasend schnell ausbreiten kann. Auschwitz war in der Wahnvorstellung der meisten Deutschen die Beseitigung der betrügerischen Raffgier im Namen der ehrlich Arbeitenden.

Das Kapital nicht verstehen, aber gegen die Folgen des Kapital-Ismus Sturm laufen, ist wie in einem Gefängnis sitzen, von dem man nichts weiß. Das kollektive Ausrasten solcher Gefängnisinsassen – ihre konformistische Rebellion – speist sich aus irrationalem Verschwörungsdenken, das sich mit durchaus berechtigter Angst um den eigenen Lebensunterhalt vermengt. Die Verbreitung reflektierter Kapitalismuskritik ist dringende Tagesaufgabe emanzipatorischer Intervention.