Date

Feb 22 2021

Time

19:00 - 20:30
Decolonize Erfurt

Im Dekolonial-Salon: Bewertungsmaßstäbe für historische Personen

In der Debatte um die Umbenennung des Erfurter Nettelbeckufers in Gert-Schramm-Ufer hat sich der Erfurter Oberbürgermeister Andreas Bausewein jüngst dafür ausgesprochen, historische Personen nach den Maßstäben ihrer Zeit zu beurteilen und nicht nach unseren gegenwärtigen Wertvorstellungen. Dem steht das Kriterium des Erfurter Stadtrats aus dem Jahr 1991 entgegen, dass Namensgeber*innen von Straßen Leistungen aufweisen müssen, die „aus heutiger Sicht“ als positiv zu bewerten sind. Ähnlich argumentiert der Historiker Jürgen Zimmerer, wenn er in der „Thüringer Allgemeinen“ dazu einlädt, „jetzt zu sagen, wofür ein Nettelbeck heute geehrt werden soll.“

Welche der beiden Sichtweisen ist plausibler? Besteht bei der gegenwartsbezogenen Beurteilung die Gefahr, dass historische Personen überhaupt nicht mehr mit Straßennamen geehrt werden können, weil sich Werte- und Moralvorstellungen beständig ändern? Und was heißt es überhaupt, historische Personen „nach den Maßstäben ihrer Zeit“ zu beurteilen? Wann endet „ihre Zeit“ und wann fängt „unsere“ an? Sollten wir uns an den herrschenden Maßstäben früherer Zeiten orientieren oder an marginalisierten Stimmen? Welche Möglichkeiten bestehen, die gegenwartsbezogene und die historische Sichtweise miteinander zu verbinden?

Antworten auf diese Fragen entwickeln wir mit Prof. Dr. Jens-Christian Wagner, dem Inhaber des Lehrstuhls „Geschichte in Medien und Öffentlichkeit“ an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Direktor der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Jens-Christian Wagner ist Historiker und Autor mehrerer Bücher zur Geschichte des Nationalsozialismus.